Die Trikolore, die nie eingeholt wurde: Geschichte und Restaurierung der ersten Fahne der Alpini

Alpini11 Min. Lesezeit

Die Trikolore, die nie eingeholt wurde

1920 schenkte eine Gruppe Mailänder Frauen der Associazione Nazionale Alpini ihre erste Fahne. Hundert Jahre später befreiten zwei Restauratorinnen sie von der Kunststofffolie, die sie zu ersticken drohte. Es ist die Geschichte eines Erinnerungsstücks, vor allem aber jener, die es bewahrt haben.

Ein Zwischengeschoß in der Galleria

Das erste Zuhause der Associazione Nazionale Alpini (des italienischen Verbandes der Gebirgstruppe „Alpini“ und ihrer Veteranen) war kein Vereinssitz: Es war ein enges Zwischengeschoß, das das Café-Restaurant Grande Italia in der Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II aus Gefälligkeit überließ. Männer, eben erst aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, wenig Mittel, viele Papiere, die irgendwo unterzubringen waren. Der Verband war am 8. Juli 1919 gegründet worden, auf Betreiben von Heimkehrern, die nicht verlieren wollten, was auf den Graten und in den Schützengräben entstanden war.

Das Erste, was sie in jenem Zwischengeschoß taten, war, an eines der großen Fenster ein breites Trikolore-Tuch zu hängen. Kein Schmuckstück. Eine Erklärung: Hier sind wir, und das ist das Zeichen, für das wir Kameraden verloren haben.

Dort beginnt die Geschichte eines Stück Stoffes, das heute, nach einer langen und heiklen Restaurierung, in einer Vitrine im Bundessitz in der Via Marsala in Mailand ruht.

Eine Fahne als Geschenk

Am 20. Juni 1920 weihte die ANA im Sitz der Società del Giardino in Mailand ihre erste offizielle Trikolore ein. Sie kaufte sie nicht: Sie erhielt sie als Geschenk von einer Gruppe Mailänder Frauen unter dem Vorsitz der Contessa Visconti di Modrone.

Bei diesem Umstand lohnt es sich innezuhalten, denn er erzählt mehr, als es scheint. Die erste Fahne der Alpini entsteht aus einer zivilen Geste, von außerhalb des Verbandes. Es sind die Familien, die Ehefrauen, die Mütter, die Schwestern einer Stadt, die ihre Toten gezählt hatte, die entschieden, dass diese Männer ein eigenes Zeichen verdienten. Die Trikolore der ANA entsteht so als empfangene Anerkennung, nicht als selbst verliehenes Abzeichen.

Von jenem Tag an begleitete sie den Verband bei den wichtigsten Anlässen. Sie blieb bis 1972 im Dienst, dann wurde sie durch eine neue Trikolore ersetzt, diesmal ohne das savoyische Wappen: Die Republik hatte ihre Flagge längst geändert, und die ANA passte ihr Banner an. Die erste wurde jedoch nicht ausgemustert. Sie wurde bewahrt.

Wachdienst, auch bei Nacht

Die ersten Jahre waren nicht leicht. Im Mailand der Nachkriegszeit störte die in der Galleria gehisste Trikolore jene, die den Gedanken des Vaterlandes selbst bekämpften und das Opfer der Gefallenen verhöhnten. Ein im Archiv des Centro Studi der ANA bewahrtes Dokument, aufgegriffen im Artikel La prima casa, erschienen in L’Alpino im Juli 2019 und in der Studie der beiden Restauratorinnen ausführlich zitiert, hält fest, dass die Demonstranten mehrfach

«versucht hatten, das Trikolore-Tuch zu zerreißen oder anzuzünden, doch wir gaben nicht nach»

und dass die Alpini es zu seiner Verteidigung mit Freiwilligenschichten bewachen mussten, auch nachts.

Männer, die eben erst demobilisiert waren, mit einer Arbeit, die von vorne begann, und Familien, die wieder aufzubauen waren, lösten einander im Dunkeln ab, um eine Fahne zu bewachen. Das war keine symbolische oder rhetorische Episode: Es war eine Wache, wiederholt, mühsam, unentgeltlich. Und sie wirkte. Die Trikolore der ANA wurde nie eingeholt.

Wer das Leben der Gruppen kennt, weiß, dass die wichtigen Dinge bis heute genau so funktionieren: nicht mit einer einzigen Geste, sondern mit vielen Schichten.

Wie sie beschaffen ist

Das Tuch misst rund 118 mal 123 Zentimeter. Es ist ein senkrecht gestreiftes Gewebe in den drei Farben, aus einer einzigen Stoffbahn gefertigt. In der Mitte des weißen Streifens ist der savoyische Schild gestickt, mit dem Kreuz aus weißem Gewebe und blauem Rand auf einer Kartoneinlage, überhöht von der ebenfalls gestickten Krone aus mehrfarbiger Seide und goldenem Metallfaden.

Zur Fahne gehört eine Schleife aus blauem Seidensamt, 127 Zentimeter lang: ein großer Knoten mit zwei langen herabhängenden Bändern, auf denen in goldenem Metallfaden der Schriftzug «ASSOCIAZIONE NAZIONALE – ALPINI» verläuft, mit gestickten Wappen an den Enden und goldenen Fransen. Unter dem Knoten erlaubte ein Glöckchen, sie an der Stange aufzuhängen.

Es ist, ehrlich gesagt, kein Meisterwerk der Textilkunst. Die Materialien sind von guter, aber nicht außergewöhnlicher Machart, serienmäßig hergestellt. Ihr Wert liegt ganz woanders.

Die Zeit, das Licht und ein Übermaß an Zuneigung

Ein halbes Jahrhundert Gebrauch, dann weitere Jahrzehnte an ihrer Stange in einer Vitrine hatten ihre Arbeit getan. Das Licht hatte die Fasern von innen heraus zersetzt: Das Rot wies Risse und Einrisse auf, das Grün eine auffällige Farbveränderung entlang der Ausstellungsfalten, und der weiße Streifen – der empfindlichste – war inzwischen an mehreren Stellen zerrissen, mit regelrechten Fehlstellen rund um das Wappen.

Irgendwann hatte jemand, um sie weiter auf die Plätze tragen zu können, versucht, sie so zu retten, wie man zu Hause liebe Dinge rettet: indem er eine dicke selbstklebende PVC-Folie darüberklebte, dann den weißen Streifen zwischen zwei Polyethylenbögen einnähte und schließlich die ganze Fahne auf dieselbe Weise verschloss. Als die Restauratorinnen sie abnahmen, fanden sie das Tuch in fünf Kunststoffteile unterschiedlicher Größe eingeschlossen.

Aus konservatorischer Sicht ist das eine Katastrophe. Aus menschlicher Sicht ist es ein Dokument: Niemand wickelt einen Gegenstand in Kunststoff, der ihm gleichgültig ist. Jener hausgemachte Eingriff, in allem falsch, sagt aus, wie viel jene Fahne bedeutete.

Die Restaurierung, einfach erklärt

Durchgeführt wurde der Eingriff von den Restauratorinnen Patrizia Labianca und Graziella Palei, die ihren Bericht beim XIX. Nationalkongress des IGIIC, der italienischen Gruppe des International Institute for Conservation, 2021 in Udine vorstellten.

Die erste Phase war die heikelste: den Kunststoff entfernen, ohne die Seide mitzunehmen. Das PVC war starr, das Gewebe hauchdünn. Es wurde trocken und mechanisch abgetragen, indem jeweils kleine, bereits gelöste Partien abgeschnitten und der auskristallisierte Klebstoff abgesaugt wurde.

Es blieben die Flecken des gealterten Klebers, mit herkömmlichen Methoden nicht zu behandeln, ohne das noch vorhandene Gewebe zu gefährden. Die Lösung kam von einem Material aus der zeitgenössischen Restaurierung: den Nanorestore-Gel-Hydrogelen, durchsichtigen Blättern, die das Lösungsmittel in ihrem Inneren halten und es nur an der Kontaktfläche abgeben. Mit Lösungsmittel beladen, in Quadrate von drei Zentimetern geschnitten, mit leichtem Druck aufgelegt und rund zwanzig Minuten unter einer Schutzfolie belassen, nahmen sie den Kleber auf, ohne dass die Flüssigkeit in die Fasern eindrang. Nach jedem Durchgang ein nur mit Wasser beladenes Gelstück, um die Seide wieder zu befeuchten.

Dann die Festigung, nach Farben unterschieden. Die grüne und die rote Bahn wurden zwischen einem Träger aus Seidenorganza auf der Rückseite und einem Schleier aus Crepeline auf der Vorderseite eingeschlossen, beide farblich abgestimmt eingefärbt und mit senkrechten Stichreihen alle fünf Zentimeter befestigt. Der weiße Streifen, zu stark zerfallen, um allein durch Nähen zu halten, erforderte einen mit Klebstoff behandelten und heiß aufgebrachten Schleier, der die Ränder jedes Risses wieder aneinanderführte; unter dem Kreuz des Wappens wurde ein eigens eingefärbter elfenbeinfarbener Seidentaft eingesetzt, um die Fehlstellen optisch zu schließen.

Auch die Schleife wurde behandelt: kontrolliertes Absaugen, Zurücklegen der gelösten Schussfäden des Futters, Festigung durch Nähen. Beim Samt, zu empfindlich, entschied man sich gegen einen chemischen Eingriff.

Zuletzt die Montage: eine mit weichem Gewebe bezogene Holzplatte, die Fahne mit Nähten entlang der Ränder befestigt, die Schleife und die Spitze der Stange daneben, und eine Vitrine mit rund zehn Zentimeter Abstand zum Glas.

Ein letztes Mal in der Höhe

Ein Punkt des Projekts verdient Aufmerksamkeit, weil er zeigt, was geschieht, wenn ein Erinnerungsstück noch kein Museumsstück ist.

Der Verband hatte um etwas Bestimmtes gebeten: die restaurierte Fahne ein letztes Mal hissen zu dürfen, anlässlich der Feiern zum hundertjährigen Bestehen. Keine Ausstellung: eine echte Zurschaustellung, mit der Fahne oben, so wie man es immer gehalten hatte. Die Restauratorinnen planten den Eingriff auch im Hinblick auf diese Bitte und stimmten die Festigungen so ab, dass das Tuch sein eigenes Gewicht noch ein weiteres Mal tragen konnte.

Dann die Vitrine, der Sitzungssaal des Bundessitzes, die Ruhe. Doch zuvor ein letzter Gruß im Stehen.

Was uns das angeht

Ein Erinnerungsstück ist nicht bloß das, was von der Vergangenheit bleibt: Es ist ein Gedächtnis, das den kommenden Generationen anvertraut ist. Das ist die klarste Lehre dieser Geschichte, und sie betrifft nicht nur Mailand.

Auch in den Gruppen, auch in Salce, gibt es Gegenstände, die aus denselben Gründen zählen: ein Wimpel, ein Hut, ein Gruppenfoto mit Namen, die mit Bleistift auf die Rückseite geschrieben sind, die Register, die Jahrgänge des Mitteilungsblattes. Keiner dieser Gegenstände ist selten. Keiner ist auf dem Markt etwas wert. Sie zählen, weil jemand sie getragen, bewahrt, zu den richtigen Anlässen hervorgeholt und sorgsam wieder weggeräumt hat. Ihr Wert liegt nicht im Stoff: Er liegt in den Händen, die ihn gehalten haben.

Daraus folgt eine kleine praktische Pflicht, wenig feierlich und sehr konkret: zu wissen, wo die Dinge sind, aufzuschreiben, was sie sind, improvisierte Behelfslösungen zu vermeiden und jene um Rat zu fragen, die sich auskennen, bevor man etwas klebt. Der Kunststoff auf der Trikolore der ANA lehrt, dass auch Zuneigung ohne Sachkenntnis Schaden anrichten kann.

Und es bleibt eine letzte Unterscheidung, die die Alpini aus Erfahrung kennen, bevor sie sie aus der Theorie kennen. Benedetto Croce bemerkte in einer Schrift von 1944, die Vaterlandsliebe sei keine abgeschwächte Fassung des Nationalismus: Sie sei dessen Gegenteil, so wie die Zuneigung zu einem Menschen das Gegenteil des Besitzens ist. Jene Fahne wurde aus dem ersten Grund verteidigt, nicht aus dem zweiten. Und deshalb lohnt es sich, hundert Jahre später, sie noch immer zu erzählen.

Die Fahne in Kürze

  • Erstes offizielles Banner der Associazione Nazionale Alpini, eingeweiht am 20. Juni 1920 im Sitz der Società del Giardino in Mailand.
  • Geschenkt von einer Gruppe Mailänder Frauen unter dem Vorsitz der Contessa Visconti di Modrone.
  • Misst rund 118 × 123 cm; in der Mitte des weißen Streifens der gestickte savoyische Schild, überhöht von der Krone.
  • Ergänzt durch eine Schleife aus blauem Seidensamt mit dem goldenen Schriftzug «ASSOCIAZIONE NAZIONALE – ALPINI».
  • Verwendet bei den wichtigsten Veranstaltungen der ANA bis 1972, als sie durch eine Trikolore ohne savoyisches Wappen ersetzt wurde.
  • Restauriert von Patrizia Labianca und Graziella Palei: Entfernung der Kunststoffe, Reinigung mit Hydrogelen, nach Farben unterschiedene Festigung der drei Bahnen.
  • Ein letztes Mal gehisst zum hundertjährigen Bestehen der ANA; heute in einer Vitrine im Sitzungssaal des Bundessitzes in Mailand ausgestellt.

Quellen und weiterführende Hinweise

  • Patrizia Labianca, Graziella Palei, Un cimelio e la sua memoria: il restauro della bandiera tricolore dell’Associazione Nazionale Alpini di Milano, in Lo Stato dell’Arte 19. Atti del XIX Congresso Nazionale IGIIC, Palazzo Garzolini di Toppo Wassermann, Udine, 16.–18. September 2021, Nardini Editore — Volltext. Sie ist die Quelle aller Angaben zu Maßen, Materialien, Erhaltungszustand, Restaurierungstechniken und heutigem Standort der Fahne.
  • Nardini Editore, Verlagsseite zum Band der Kongressakten Lo Stato dell’Arte 19 — nardinieditore.it
  • AA. VV., La prima casa, in L’Alpino, Juli 2019, S. 10–11. Das Dokument aus dem Archiv des Centro Studi ANA über die Versuche, die Trikolore zu zerreißen oder anzuzünden, und über die nächtlichen Wachschichten wird in diesem Artikel zitiert und ist in der Studie von Labianca und Palei wiedergegeben.
  • Associazione Nazionale Alpini, La storia dell’Ana — ana.it
  • Associazione Nazionale Alpini, Centro Studi — ana.it
  • L’Alpino, offizielle Monatszeitschrift der ANA — lalpino.net
  • IGIIC, italienische Gruppe des International Institute for Conservation — igiic.org
  • CSGI, Universität Florenz, Art Restoration: die Nanorestore-Gel-Hydrogele und die auf die Konservierung angewandte Nanowissenschaft — csgi.unifi.it
  • Benedetto Croce, Una parola desueta: l’amor di patria, in L’idea liberale. Contro le confusioni e gl’ibridismi. Scritti vari, Laterza, Bari, 1944. Zitiert in der Studie von Labianca und Palei.

Bildnachweis

Die historischen Aufnahmen und die Fotografien der Restaurierung stammen aus dem Beitrag von Patrizia Labianca und Graziella Palei, Un cimelio e la sua memoria: il restauro della bandiera tricolore dell’Associazione Nazionale Alpini di Milano, erschienen in den Akten des XIX. Nationalkongresses IGIIC – Lo Stato dell’Arte 19, Udine 2021.

Schreibe einen Kommentar

Mandaci una Email
Whatsapp