In Familienalben aus der Zeit vor einem Jahrhundert begegnet uns immer wieder ein ähnliches Bild: eine Krankenschwester mit weißer Schürze und einem roten Kreuz auf der Brust, am Eingang eines Feldspitals oder neben einer Trage in einem Zug, der die Verwundeten weiterbringen soll.
Es sind die Rotkreuzschwestern. Ihre Geschichte erzählt eher von stillem Mut als von Auszeichnungen und verdient es, auch heute weitergegeben zu werden. Unter unseren Freundinnen sind mehrere „Schwestern“, die diese Uniform noch immer tragen.
Die Anfänge: Ausbildung und erste Hilfseinsätze
Als offizielles Gründungsdatum des Korps der freiwilligen Krankenpflegerinnen des Italienischen Roten Kreuzes gilt der 9. Februar 1908. Damals wurde unter der Schirmherrschaft von Königin Elena die Schule am Militärspital Celio in Rom eröffnet. Der Beitrag im Col Maòr erinnert an rund 250 Schülerinnen. Die Geschichte begann jedoch schon früher: Im Schuljahr 1906–1907 hatte Sita Meyer Camperio erste Kurse in Mailand organisiert; bald folgten weitere Städte.
Noch 1908 erlebten die jungen Rotkreuzschwestern ihre erste große Bewährungsprobe: nicht im Krieg, sondern beim verheerenden Erdbeben von Messina, wo sie der betroffenen Bevölkerung organisierte Hilfe leisteten. Danach wurden sie zu einem der bekanntesten Gesichter der Beteiligung italienischer Frauen an Kriegsschauplätzen: zunächst im Italienisch-Türkischen Krieg 1911–1912 und im 1912 begonnenen Balkankrieg, später in weit größerem Umfang im Ersten Weltkrieg. Dieser brachte die erste breite Mobilisierung der freiwilligen Krankenpflegerinnen.
Frauen, die eine Grenze verschoben
Dass Frauen „bürgerlichen Standes“, wie es damals hieß, Soldaten pflegten, die nicht zur eigenen Familie gehörten, wurde nicht überall begrüßt. Die Vorstellung, junge Frauen könnten sich mit ungewohnter Selbstständigkeit unter Männern in Uniform bewegen, löste heftige Kritik aus. Hinter dem offiziellen Lob für ihre Aufopferung lag ein tieferes Unbehagen: Krieg hatte als reine Männersache gegolten. Die Rotkreuzschwestern verschoben diese Grenze ohne großes Aufsehen.
Die Zahlen zeigen das Ausmaß. Vor Italiens Kriegseintritt gab es etwa 4.000 freiwillige Krankenpflegerinnen des Roten Kreuzes; bald waren es rund 8.000. Zählt man Angehörige anderer Vereinigungen wie der Scuola Samaritana hinzu, kommt man auf ungefähr 10.000 mobilisierte Frauen.
Anfangs stammten die Frauen mit der weißen Schürze vor allem aus dem Adel, später auch aus dem Bürgertum. Sie kamen aus allen Teilen Italiens, waren unterschiedlich alt und hatten unterschiedliche Beweggründe: Patriotismus, den Wunsch, einen entscheidenden historischen Moment mitzugestalten, eine beinahe religiöse Hinwendung zu Leidenden und nicht zuletzt das Streben nach persönlicher und gesellschaftlicher Emanzipation. Keine konnte jedoch einfach aus eigener Entscheidung aufbrechen: Die Zustimmung des Vaters, Bruders oder Ehemanns war erforderlich.
Ein Netz aus Spitälern, Zügen und Menschen
Schon vor der Kriegserklärung stellten Institutionen, Vereine und Privatpersonen Gebäude und Grundstücke für Spitäler zur Verfügung. Fabriken, Schulen, Villen und Klöster erhielten binnen weniger Wochen eine neue Aufgabe. In Bologna wurden beispielsweise die Schule „E. De Amicis“ und weitere Volksschulen, das Gymnasium Minghetti, das Priesterseminar, das Kinderspital Gozzadini und das Rizzoli zu militärischen Gesundheitseinrichtungen.
In ganz Italien betrieb das Rote Kreuz mehr als 200 territoriale Spitäler und bis zu 22 Lazarettzüge. Besondere Vereinbarungen ermöglichten den Schwestern den Dienst sowohl in Einrichtungen des Roten Kreuzes als auch in militärischen Strukturen. Ihr Status wurde jenem von Offizieren gleichgestellt; eine Bezahlung erhielten sie allerdings nicht.
Ihre Arbeit ging über das Versorgen von Wunden hinaus: Sie schrieben Briefe für Menschen, die es selbst nicht konnten, lasen vor, spendeten Trost und blieben bei jenen, die nicht überleben würden. Besonders wichtig war ihr Einsatz im Operationssaal und bei der Betreuung nach chirurgischen Eingriffen.
Arbeitsrhythmus, Aufgaben und Gefahren unterschieden sich je nach Einsatzort: an der Front, im Hinterland oder in Lazarettzügen. Und die Schwestern waren nicht allein. Das Rote Kreuz mobilisierte auch Ärzte, Geistliche, Verwaltungskräfte, Köche und Fahrer.
Ab 1915 stand Herzogin Elena d’Aosta diesem Heer in weißen Schürzen als Generalinspektorin vor. Man nannte sie „die Generalissima“. Sie gab dem Korps eine straffe Organisation und entwickelte eine Tätigkeit, die viele noch als Wohltätigkeit betrachteten, zu einem professionell organisierten Dienst weiter.
Der Preis der Fürsorge
Nicht alle Rotkreuzschwestern kehrten heim. Dutzende verloren im Zusammenhang mit dem Krieg ihr Leben; viele wurden verwundet oder gerieten in Gefangenschaft. In der militärischen Gedenkstätte Redipuglia ist Margherita Kaiser Parodi bestattet. Das Italienische Rote Kreuz erinnert an sie als einzige Frau unter den hunderttausend Soldaten dieser Gedenkstätte. Ihr Name macht auch das Opfer jener sichtbar, die Verwundete pflegten.
Ein Faden, der bis zu uns reicht
Seit den römischen Kursen unter Königin Elena ist mehr als ein Jahrhundert vergangen. Der Faden, der die ersten 250 Schülerinnen mit den heutigen Rotkreuzschwestern verbindet, ist jedoch nie abgerissen. Auch im Umfeld unserer Alpini-Gruppe führen Freundinnen diese Tradition mit derselben Zurückhaltung und Hingabe fort wie ihre „älteren Schwestern“ vor einem Jahrhundert. Ihnen und der Erinnerung an ihre Vorgängerinnen gilt unser aller Dank.
Quellen und weiterführende Lektüre
- Michele Sacchet, Le Crocerossine nella Grande Guerra, Col Maòr, 63. Jahrgang, Nr. 3, Oktober 2026, S. 8. Der Beitrag wurde anhand der von der Redaktion bereitgestellten Fassung überarbeitet.
- Italienisches Rotes Kreuz: Geschichte des Korps der freiwilligen Krankenpflegerinnen und Die nationalen Inspektorinnen, abgerufen am 31. Oktober 2026.
- Arianna Ceschin, Essere crocerossina nella prima Guerra mondiale: la vicenda delle sorelle Astuto nel volume di Alessandro Gradenigo, Qdpnews.it, 27. September 2023.


