Helden im Wind

Col Maòr10 Min. Lesezeit

Am Morgen des 1. September 1917 fand am Himmel über Belluno ein Luftduell zwischen einem italienischen und einem österreichischen Flugzeug statt.

Die Österreicher hatten bei Caporetto noch nicht durchgebrochen, und so war unsere Provinz noch nicht vom Feind besetzt. Der italienische Pilot hieß Arturo Dell’Oro und war 1896 in einer kleinen Stadt im chilenischen Landesinneren als Sohn von Eltern piemontesischer Herkunft geboren worden.

Arturo Dell’Oro

In Chile besaß die Familie Dell’Oro einen Weinberg und erzeugte Wein und Grappa. Im Mai 1915, als Italien in den Krieg eintrat, wurde in der chilenischen Hafenstadt Valparaíso ein Büro zur Anwerbung unserer Auswanderer eröffnet, die sich freiwillig melden wollten.

Auch Arturo ging hin, um sich zu melden, und wurde noch am selben Tag, ohne sich von den Eltern verabschieden zu können, auf einen Dampfer mit Ziel Genua eingeschifft. Sein Antrag, den Fliegertruppen zugeteilt zu werden, wurde angenommen. In der Heimat besuchte er den Pilotenlehrgang und bestand ihn glänzend; er erwarb den Flugzeugführerschein und den Dienstgrad eines Sergeanten.

Danach wurde er einer Aufklärungsstaffel zugeteilt und erhielt bereits im November 1915 eine Silberne Tapferkeitsmedaille für einen riskanten Einsatz am Himmel über La Muda (zwischen Belluno und Agordo). 1916 richteten die königlichen Fliegertruppen in Belluno einen Flugplatz ein und verlegten dorthin eine Jagdstaffel, die die Dolomitenfront sichern sollte.

Arturo wurde dieser Staffel zugeteilt. Der Himmel über dem Bellunese war nicht stark beflogen, und die seltenen Male, bei denen Arturo Gelegenheit hatte, mit dem Feind in Berührung zu kommen, musste er wegen Motorschäden oder eines schlecht funktionierenden Maschinengewehrs auf den Kampf verzichten.

 

Josef Kiss

Kehren wir zum Morgen des 1. September zurück. Der Alarm begann zu heulen, und die Flugabwehrbatterien traten in Aktion. Ein österreichisches Flugzeug war am Himmel über Belluno erschienen. Arturo startete mit seinem Jagdflugzeug, entschlossen, sich dem Feind zu stellen.

Das gegnerische Flugzeug war ein Zweisitzer: Neben dem Piloten, der nach vorne schießen konnte, saß ein MG-Schütze, der nach hinten und zu den Seiten des Flugzeugs feuerte. Wegen dieser Feuerkraft war es sehr gefürchtet. Dafür war das italienische Flugzeug schneller. In kurzer Zeit wurde der Gegner eingeholt. Die Kontrahenten tauschten einige MG-Salven aus, dann begann sich das feindliche Flugzeug nach Norden zu entfernen.

Wahrscheinlich hatte der MG-Schütze keine Munition mehr, oder seine Waffe hatte Ladehemmung. Der österreichische Pilot wusste, dass er in einem Luftkampf keine Chance gehabt hätte: Das schnellere italienische Flugzeug hätte sich hinter ihn gesetzt, ihn beschossen und abgeschossen.

Er versuchte also, zu seinen Linien zu fliehen, in der Hoffnung auf die Großmut des italienischen Piloten. Arturos Gemütslage war eine ganz andere. Er hatte noch nie einen Feind abgeschossen; das war seine große Chance. Doch wieder einmal kehrte ihm das Glück den Rücken: Das Maschinengewehr hatte Ladehemmung.

Wer weiß, was im Kopf dieses jungen Mannes vorging, der noch nicht einmal 21 Jahre alt war. Die Wut gewann die Oberhand über die Vernunft. Arturo stürzte sich auf den Feind. Die beiden Flugzeuge prallten zusammen, und eine Stichflamme stieg in den Himmel: Besiegter und Sieger stürzten ab und zerschellten nicht weit von der Stelle, an der heute das Rifugio 7° Alpinisteht, am Fuß der Südhänge des Monte Schiara.

An Ort und Stelle markiert eine Gedenktafel die Absturzstelle. Eine umfangreiche Fotodokumentation zeigt die enorme Anteilnahme der Bevölkerung an der Bestattung der drei Flieger. Mit diesen Worten verlieh das Vaterland ihm zum Gedächtnis die Goldene Tapferkeitsmedaille: „Überaus kühner Jagdflieger, der unermüdlich die Gipfel des Cadore überflog, verwegen unter den Verwegenen; statt auf den Sieg zu verzichten, warf er sich gegen ein feindliches Flugzeug, brachte es durch den Aufprall zum Absturz und stürzte zusammen mit dem Besiegten ab. Höchstes Beispiel von Mut und bewundernswerter Selbstaufopferung – Himmel über Belluno, 1. September 1917“.

Nach Arturo Dell’Oro sind der bedeutende Militärflughafen von Pisa, der Flughafen von Belluno und die angesehene Italienische Schule in Valparaíso (Chile) benannt. Arturo ist im Militärossarium von Mussoi beigesetzt.

Sprechen wir nun von Ermenegildo (Gildo) Dal Pan. Manchen von Ihnen mag dieser Name bekannt vorkommen. Nach Gildo Dal Pan war nämlich die Mittelschule in der Via San Lorenzo in Belluno benannt.

Gildo war in unserer Stadt geboren. Er war Oberfeldwebel der Luftwaffe und kämpfte als Freiwilliger an der Seite der Nationalisten Francos im Spanischen Bürgerkrieg. 1937 fiel er im Alter von 23 Jahren im Kampf.

Er wurde mit der Goldenen Medaille ausgezeichnet, mit folgender Begründung: „Freiwilliger bei einem Kriegseinsatz, der für
ein höchstes Ideal geführt wurde, bestand er die härtesten Prüfungen und bewies stets die vorbildlichen Tugenden eines erfahrenen und tapferen Kämpfers.

Beseelt von bedingungsloser, begeisterter Hingabe an die Sache, der er sein junges, kühnes Leben geweiht hatte, fand er beim heldenhaften Versuch, eine ihm anvertraute riskante Aktion zu Ende zu führen, einen ruhmreichen Tod. Himmel über Spanien, 19. März 1937“.

In den Siebzigerjahren wurde beschlossen, die Schule nach Ippolito Nievo zu benennen, weil Gildo nicht die Ideale verkörperte, auf denen die Verfassung unserer Republik beruht. Kehren wir zum Ersten Weltkrieg zurück und erweisen wir einem Gegner die Ehre.

Josef Kiss wurde 1896 in Pozsony, dem heutigen Bratislava, geboren. Heute ist Bratislava die Hauptstadt der Slowakischen Republik; damals war es eine der wichtigsten Städte der österreichisch-ungarischen Monarchie und lag innerhalb der ungarischen Grenzen. Sein Urgroßvater väterlicherseits war einer der Wegbereiter des ungarischen Aufstands von 1848 gegen die Österreicher und wurde deshalb, nachdem die Revolte niedergeschlagen war, erschossen; sein Besitz wurde beschlagnahmt.

Trotzdem brach Josef bei Kriegsausbruch sein Studium ab und meldete sich freiwillig zum Heer. Er bewarb sich um die Aufnahme in die Offiziersschule, doch das Fehlen eines Maturazeugnisses verbaute ihm diese Möglichkeit. Er wurde daher einem Infanterieregiment zugeteilt und in die Karpaten geschickt, um gegen die Russen zu kämpfen. Dort wurde er schwer verwundet.

Während der Genesung beantragte er die Versetzung zu den Fliegertruppen. Sein Antrag wurde angenommen, und nach der Ausbildungszeit wurde er einer Staffel mit Sitz in Cirè di Pergine Valsugana zugeteilt. Die Valsugana gehörte zur österreichisch-ungarischen Monarchie und grenzte im Süden an die Hochebene von Asiago und im Osten an das Feltrino. Das lässt uns verstehen, warum die Österreicher ihre Stellungen auf der Hochebene von Asiago so erbittert verteidigten: Wären diese Kämme in italienische Hand gefallen, wären die Dörfer der Valsugana ein leichtes Ziel für unsere Artillerie gewesen.

Josef (Yosha für die Freunde) bewies sofort sein Können als Jagdflieger. Von Juni 1916 bis Ende 1917 errang er 19 Luftsiege und wurde zu einem der gefürchtetsten „Asse“ der österreichisch-ungarischen Luftfahrtruppen.
Seine Taten vollbrachte Josef vorwiegend gegen unsere Piloten, mit denen er sich zwischen Pasubio und Grappa und am Himmel über dem Feltrino Gefechte lieferte. Für seine Siege erhielt er 16 Tapferkeitsmedaillen, die er auch während seiner Flüge stolz an der Uniformjacke trug.

Auf beiden Seiten des Rumpfes seines Flugzeugs hatte Josef ein großes weißes „K“ (Kiss) auf die Darstellung einer Tapferkeitsmedaille malen lassen.

So muss sein Flugzeug im Flug am Himmel über der Valsugana ausgesehen haben: Josefs großer Ehrgeiz war es, Offizier zu werden: Er kämpfte mit großem Unternehmungsgeist, weil seine einzige Möglichkeit, es zu werden, über Kriegsverdienste führte.

Im Jänner 1918 wurde Josefs Flugzeug in einem Gefecht mit einem italienischen Flieger von Kugeln durchsiebt. Schwer am Bauch verwundet, gelang es ihm, zum Stützpunkt Cirè zurückzukehren; er wurde ins Spital von Trient eingeliefert. Nach wenigen Stunden besuchten ihn seine Staffelkameraden.

Sie fanden ihn verlassen auf einer Trage, halb verblutet. Wütend suchten sie die Ärzte. Sie fanden sie beim Essen, Trinken und Scherzen. Es kam zu einem Tumult, und es flogen Fäuste und Beschimpfungen.

„Mit dieser Wunde hat er keine Chance. Ihn zu operieren ist Zeitverschwendung. Und außerdem ist er nicht einmal Offizier!“ sagten die Ärzte.
Josef überlebte wie durch ein Wunder. Die Ärzte erklärten ihn für frontdienstuntauglich, doch er wies den ärztlichen Befund zurück und verlangte, wieder fliegen zu dürfen.

Obwohl er körperlich noch sehr angeschlagen war, wollte er am 24. Mai wieder in sein Flugzeug steigen, zu einem Einsatz zusammen mit zwei weiteren Maschinen seiner Staffel. Die drei wurden von neun britischen und italienischen Flugzeugen abgefangen. Josef wurde erkannt und von den feindlichen Piloten geschickt isoliert.

Am Ende kämpfte er allein gegen sechs Gegner. Sein Flugzeug wurde von einer Salve getroffen, die ihn tötete. Er war 22 Jahre alt. Das Flugzeug zerschellte am Monte Coppolo, im Gemeindegebiet von Lamon. Seine sterblichen Überreste wurden von italienischen Soldaten geborgen und den Österreich-Ungarn übergeben. Am 27. Mai fand in Pergine eine große Trauerfeier statt.

Es heißt, dass während der Feier eine Formation italienischer, britischer und französischer Flugzeuge einen Blumenkranz mit einer Schleife abwarf, auf der stand: „Unser letzter Gruß dem mutigen Gegner“. Am Tag nach seinem Tod wurde Josef wegen Kriegsverdiensten zum Leutnant (Offizier) befördert. Josef Kiss war der ungarische Pilot mit den meisten Luftsiegen im Ersten Weltkrieg, und in seiner Heimat wird er noch heute in Erinnerung gehalten und gefeiert.

Er ist im Ossarium von Rovereto beigesetzt. Seit Jahren fordert seine Heimatstadt die Rückgabe seiner sterblichen Überreste. Wäre es nicht eine schöne Geste, ihn heimkehren zu lassen?

Manfred von Richthofen

Wenn man an ein Fliegerass denkt, kann der Gedanke nur zum „Roten Baron“ gehen. Manfred von Richthofen (Jahrgang 1892) – so lautete sein Name – war der Pilot mit den meisten Luftsiegen im Ersten Weltkrieg: ganze achtzig. Auch sein Bruder Lothar (1894) war ein ausgezeichneter „Jäger“ und errang vierzig Siege.

Um sich mit dem Titel „Ass“ schmücken zu dürfen, musste man bei den Italienern und ihren Verbündeten 5 Siege errungen haben, bei den Deutschen und den Österreich-Ungarn sogar acht. Die beiden Brüder flogen in derselben Staffel und waren tatsächlich Freiherren. Sie stammten aus einer preußischen Adelsfamilie mit langer militärischer Tradition. Beide besuchten die Militärakademie und wurden Kavallerieoffiziere.

Bei Kriegsausbruch (1914) wurde Manfred sofort an die Front geschickt, doch der Stellungskrieg schränkte den Einsatz der Kavallerie ein; so schrieb er nach mehreren Monaten Untätigkeit, begierig auf eine aktive Rolle im Kampf, an das Oberkommando und bat um Versetzung zu den Fliegern. Seinem Wunsch wurde entsprochen.

Nach den Ausbildungslehrgängen und der üblichen Bewährungszeit erhielt er ein Jagdflugzeug, und Manfred bewies sofort sein Können. In nur vier Monaten schoss er sechzehn feindliche Flugzeuge ab, wurde damit zum „Doppel-Ass“ und erhielt das blaue Kreuz „Pour le Mérite“, die höchste deutsche Auszeichnung.

Als vom deutschen Kommando die Anweisung kam, die Flugzeuge mit Tarnfarben zu bemalen, um sie für den Feind weniger sichtbar zu machen, antwortete Manfred, seine Gegner müssten wissen, mit wem sie es zu tun hätten, und ließ sein Flugzeug rot bemalen, in der Farbe seines Kavallerieregiments.

Das unbesiegbare rote Flugzeug wurde bald zur Legende. Anfangs wurde es von den Franzosen „le petit rouge“ (der kleine Rote) und von den Briten „the red devil“ (der rote Teufel) getauft. Es verbreitete sich auch das Gerücht, es werde von einem Mädchen geflogen, einer Art Jeanne d’Arc, oder das Rot sei ein Spezialanstrich, der Geschossen standhalten könne. Erst als die Briten und Franzosen Manfreds Identität entdeckten, nannten sie ihn „the red baron“ (der Rote Baron).

 

Lothar von Richthofen

Die Alliierten stellten eine Staffel auf mit dem eigens dafür bestimmten Auftrag, „den Baron“ abzuschießen. Um ihn für die Feinde weniger erkennbar zu machen, wurden alle Flugzeuge von Manfreds Staffel rot bemalt, und um sich untereinander zu erkennen, bemalten die deutschen Piloten das Leitwerk in verschiedenen Farben. Lothar (Foto oben) bemalte sein Leitwerk gelb. Nicht immer verliefen die Kämpfe für Manfred gut: Das Foto nebenan zeigt ihn als Genesenden, nachdem er sich eine Kugel in den Kopf „eingefangen“ hatte.

Am 21. April 1918 verfolgte Manfred im Tiefflug über den feindlichen Linien ein britisches Flugzeug; hinter die beiden setzte sich das Flugzeug des kanadischen Piloten Brown. Plötzlich drehte der rote Dreidecker nach rechts ab und zerschellte am Boden. Offiziell wurde der Abschuss des „Roten Barons“ Brown zugeschrieben, doch ist erwiesen, dass Manfred auf der Stelle von einem MG-Geschoss der australischen Flugabwehr (Foto unten) getötet wurde, das ihn von unten nach oben traf und ihm eine Lunge zerriss.

Der Leichnam wurde von australischen Soldaten geborgen, die ihm ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren bereiteten. Auf den Grabstein schrieben sie: „Hier ruht ein Tapferer, ein edler Gegner und ein wahrer Ehrenmann. Er ruhe in Frieden“.

Österreichische Flugabwehr

Die hier veröffentlichten Fotos zeigen uns Burschen, die kaum dem Jugendalter entwachsen sind. Ihre „Kindergesichter“ stehen im Gegensatz zu ihrer Entschlossenheit und Unerbittlichkeit auf dem Schlachtfeld. Die Unschuld und Unbeschwertheit dieser Zwanzigjährigen wurden von der Brutalität des Krieges hinweggefegt und machten dem Überlebensinstinkt Platz, der keinen Raum für Mitleid lässt.

 

(Artikel von Daniele Luciani für den Col Maòr Nr. 9 vom Dezember 2012)

Zum Weiterlesen ein verwandter Artikel: Angelo Schiocchet: der Wolf der Tofane.

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