Helen Johns Kirtland — Eine Frau an vorderster Front am Piave

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Helen Johns Kirtland — Eine Frau an vorderster Front am Piave

1918, an den schlammigen Ufern des Piave, zwischen Dorfruinen und noch rauchenden Schützengräben, unterhielt sich eine Amerikanerin mit einer Kamera um den Hals ganz ruhig mit Soldaten des königlich-italienischen Heeres. Ihr Name war Helen Johns Kirtland. Und in diesem Bild – heute in der Library of Congress in Washington aufbewahrt – steckt ihre ganze außergewöhnliche Geschichte.

 

Ein Leben abseits der Normen

Helen Johns Kirtland wurde am 28. März 1890 geboren. Sie war die Tochter von Henry Ward Johns, dem Gründer der Johns Manville Corporation. Nach dem Tod des Vaters 1898 zog die Mutter mit der Familie nach Lawrence Park, einer Künstlerkolonie in Bronxville, New York. Helen wuchs in Yonkers auf und besuchte 1904 eine Mädchenschule in Deutschland, wo sie mit Sprachen und mit Europa vertraut wurde.

Dieser kosmopolitische Hintergrund – mehrere Sprachen, Kenntnis europäischer Orte und Kulturen – machte sie außergewöhnlich geeignet für eine Rolle, die damals niemand einer Frau zugetraut hätte: Kriegsberichterstatterin an vorderster Front.

Ehe und Krieg

Helen heiratete Lucian Swift Kirtland am 11. November 1917 in Bronxville. Die beiden brachen sofort nach Frankreich auf, wegen Lucians Arbeit als Korrespondent für Leslie’s Illustrated Weekly. Nur ganz wenige Amerikanerinnen erhielten im Ersten Weltkrieg die Akkreditierung als Kriegsberichterstatterinnen. Helen und ihr Mann Lucian bekamen diese Erlaubnis beide 1917.

Doch Helen gab sich nicht mit einer Nebenrolle zufrieden. Den Vorschriften nach durften Ehepartner nicht zusammenarbeiten: Sie gingen getrennte Wege und trafen sich nur gelegentlich. Das war keine Notlösung – es war eine bewusste Entscheidung.

▪ Eine Journalistin, nicht die Frau eines Journalisten

Helen arbeitete in Europa unter der Schirmherrschaft der YMCA als Gast der amerikanischen Armee und Marine und wurde Korrespondentin von Leslie’s Illustrated Weekly. Sie war perfekt für diese Aufgabe: Sie kannte Westeuropa gut, sprach mehrere Sprachen und hatte ein natürliches Gespür dafür, die Welt durch ein Objektiv zu sehen. Sie wollte als das anerkannt werden, was sie war: eine Journalistin.

Im Schützengraben mit Stahlhelm und Gasmaske

Das vielleicht sinnbildlichste Foto von Helen Kirtland zeigt sie während des Krieges in einem Schützengraben: Sie trägt Stahlhelm und Militärmantel, die Gasmaske um den Hals. Das ist nicht die Pose einer Kriegstouristin. Es ist das Porträt eines Menschen, der wirklich dort war und die Gefahren der Soldaten teilte, um ihre Geschichte zu erzählen.

Als Fotografin von Leslie’s Illustrated Weekly reiste Kirtland oft mit der YMCA, die Freizeit- und Sportangebote für die Truppen betrieb. Dank dieser Kontakte konnte sie Zeit mit den Soldaten in den Schützengräben verbringen, von ihrer Erfahrung lernen und sie fotografieren. Ihre Artikel für Leslie’s waren schlicht und elegant und brachten das Schlachtfeld in die Wohnzimmer der amerikanischen Leser.

▪ Was war die YMCA — Young Men’s Christian Association
Was sie war Eine 1844 in London gegründete christliche Vereinigung, die sich rasch in der ganzen englischsprachigen Welt verbreitete. Bis heute in über 120 Ländern tätig.
Im Krieg Im Ersten Weltkrieg betrieb sie Unterstützungseinrichtungen für die Soldaten in der Etappe: Kantinen, Schlafräume, Aufenthaltsräume, Bibliotheken, Unterhaltung, Post und Seelsorge. Eine Art Rotes Kreuz der Seele, das sich nicht nur um verwundete Körper, sondern um die Moral der Truppe kümmerte.
Für Helen Die Arbeit unter der Schirmherrschaft der YMCA verschaffte ihr legitimen Zugang zu den Kriegsgebieten, Kontakte zu den militärischen Kommanden und die Möglichkeit, nahe an den Schützengräben zu sein. Ein wertvoller Passierschein in einer militärischen Welt, die Journalistinnen fast alle Türen verschloss.

Am Piave: eine Zeugin der Geschichte

Helen Kirtlands Einsatz an der italienischen Front ist eines der bedeutendsten – und am wenigsten bekannten – Kapitel ihrer Laufbahn. Sie war während der letzten Offensive an der eigentlichen Front, bei der Schlacht am Monte Grappa, und folgte dem Heer bis zur Mündung des Piave. Sie fotografierte nicht aus sicherer Stellung in der Etappe: Sie war mittendrin.

Eine ihrer Reportagen gilt den Kämpfen am Piave, mit Fotos der eben von den Italienern eroberten österreichischen Schützengräben. Die veröffentlichten Bilder zeigen marschierende Soldaten, ein Auto der YMCA zwischen den Trümmern eines Dorfes am Piave und Helen Kirtland, der italienische Soldaten die gerade eroberten österreichischen Gräben zeigen.

▪ Das Foto mit dem Händedruck

Auf dem Titelfoto dieses Beitrags, das in der Library of Congress aufbewahrt wird, schüttelt Helen einem italienischen Soldaten die Hand, der gut sichtbar eine Ausgabe der Tribuna Illustrata hält – der populären italienischen Illustrierten, dem Gegenstück zur amerikanischen Leslie’s, für die sie selbst arbeitete.

Das ist vermutlich kein Zufall. Zu den offiziellen Aufgaben der YMCA gehörte es gerade, den Truppen Lesestoff zu bringen – Zeitungen, Zeitschriften, Bücher – zur Stärkung der Moral der Soldaten. Helen reiste mit der YMCA und hatte direkten Zugang zu diesen Verteilernetzen. Es ist also durchaus plausibel, dass sie und ihre Kollegen die Zeitungen selbst an die Front brachten und den Soldaten als konkrete Geste der Nähe übergaben.

Es gibt aber noch eine zweite, vielleicht noch bedeutsamere Lesart: Kriegsberichterstatter brachten oft Exemplare der Zeitungen mit ihren Artikeln mit, um sie den porträtierten Soldaten zu zeigen. Eine Geste des Respekts und des Zurückgebens – „Seht her, ich habe über euch geschrieben, eure Geschichte kommt bis nach Amerika“. In diesem Sinn bekommt der Händedruck eine klare Bedeutung: der stille Pakt zwischen denen, die kämpfen, und denen, die erzählen, zwischen denen, die Geschichte erleben, und denen, die sie bewahren.

Ein ausgelöschter Name

Helen Kirtlands Erfolg war nicht ohne einen schweren Schatten: die systematische Unsichtbarkeit, die Frauen im Journalismus jener Zeit zugedacht war. Als Fotografin von Leslie’s Illustrated Weekly und anderer amerikanischer Zeitschriften arbeitete sie auch für das Rote Kreuz und erhielt Reportagemöglichkeiten von der US-Armee und der US-Marine.

In den 1920er-Jahren arbeiteten die Kirtlands als Paar und bereisten die Welt: die Bahamas, die Philippinen, Frankreich, Indien, Afghanistan, China, Japan, die Türkei, Russland und viele andere Länder. Während Lucian die Artikel schrieb, machte Helen die Fotos. Doch meistens wurden ihre Aufnahmen nicht unter ihrem Namen veröffentlicht.

In ihrem persönlichen Exemplar von Leslie’s Photographic Review of the Great War schrieb sie mit Bleistift „By H.K.“ neben ein nicht zugeordnetes Foto. Eine kleine, stille Geste, aber voller Bedeutung: der Anspruch einer Urheberin, die nicht aus der Geschichte getilgt werden wollte.


Ihr Vermächtnis

Nach Kriegsende dokumentierten die Kirtlands gemeinsam die Friedensverhandlungen in Versailles. Helen wurde Mitglied der Society of Woman Geographers, 1925 gegründet für Frauen, die mit herausragender Arbeit zur Kenntnis der Welt beigetragen hatten. Die Definition passte perfekt zu ihr.

Helen Johns Kirtland starb am 3. Oktober 1979. Sie hatte das 20. Jahrhundert mit der Kamera in der Hand durchquert, vom Schützengraben am Piave bis in die Hauptstädte der Welt, und ein außergewöhnliches Archiv hinterlassen – großteils anonym, zumindest bis Historiker begannen, ihr den Namen zurückzugeben.

Heute werden ihre Fotos in der Library of Congress in Washington aufbewahrt, in der Sammlung Helen Johns Kirtland and Lucian Swift Kirtland photographs of World War I in Europe. Es sind Bilder von italienischen Soldaten am Piave, von Trümmern und Entschlossenheit – aber auch von einer Frau, die beschlossen hatte, Zeugin der Geschichte zu sein, koste es, was es wolle.

Eine Kamera, ein Stahlhelm, eine Kriegsfront.
Helen Johns Kirtland war dort. Und sie hat nie aufgehört, dort zu sein.

 

Titelbild: Helen Johns Kirtland mit italienischen Soldaten am Ufer des Piave

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